Wenn der Strom weg ist, stirbt die Digitalisierung | Können 25.000 E-Autos die Rettung sein? 🚑⚡

0

Der Weckruf aus Berlin

Es ist nach wie vor kaum zu glauben. Es war der 3. Januar 2026 und während ich meinen letzten Urlaubstag genoß, flimmerte die Eilmeldung über die Screens: „Großflächiger Blackout in Berlin nach Anschlag auf Stromnetz“. In diesem Moment wurde mir schlagartig klar, wie fragil unsere hochtechnisierte Gesundheitsversorgung geworden ist. Was nützen die fortschrittlichsten eHealth-Anwendungen, die vernetzte Medizintechnik und die digitale Patientenakte, wenn die grundlegendste aller Ressourcen ausfällt: der Strom?

Das Szenario in Berlin war ein brutaler Realitätscheck. Es zeigte die Achillesferse unserer kritischen Infrastruktur auf, an die wir im Alltag kaum einen Gedanken verschwenden. Doch genau in diesem Weckruf verbirgt sich eine immense Chance. Meine provokante Frage im Titel – können 25.000 E-Autos unsere Kliniken retten? – ist mehr als eine rhetorische Spitze. Rechnen wir es durch: 25.000 Fahrzeuge mit einer durchschnittlichen Batteriekapazität von 60 kWh ergeben zusammen einen mobilen Speicher von 1,5 Gigawattstunden (GWh). Das ist eine gewaltige, ungenutzte strategische Ressource, ein dezentrales Netz von Energiespeichern auf Rädern.

Die wachsende Flotte von Elektrofahrzeugen, insbesondere im Gesundheits- und Pflegesektor, ist weit mehr als nur ein Mittel zum Zweck. Können die Dienstwagen von morgen die Versorgungssicherheit von heute gewährleisten?

1. Das digitale Krankenhaus wird dunkel: Die unterschätzte Achillesferse

Eine stabile Stromversorgung ist die stille, aber unverzichtbare Grundlage des modernen Gesundheitswesens. Vom Beatmungsgerät auf der Intensivstation über die Kühlung von Medikamenten bis hin zum Server, der die digitale Patientenakte bereithält – alles hängt am Netz. Der Blackout in Berlin hat auf dramatische Weise gezeigt, was passiert, wenn diese Grundlage wegbricht. Er ist mehr als nur ein lokales Ereignis; er ist ein Fallbeispiel für eine systemische Verwundbarkeit.

Am Morgen des 3. Januar 2026 führte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde zu einem flächenhaften Stromausfall. Bei tiefwinterlichen Temperaturen waren anfangs rund 45.000 Haushalte und mehr als 2.200 Unternehmen im Südwesten der Hauptstadt plötzlich ohne Strom und Heizung. Besonders alarmierend war die unmittelbare Auswirkung auf den Gesundheitssektor: Pflegeheime, Krankenhäuser und 205 Arztpraxen waren von dem Ausfall betroffen. Das Ereignis legte die Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur schonungslos offen.

Was in Berlin im Kleinen passierte, ist ein nationales Risiko. Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zeichnet ein düsteres Bild der allgemeinen Vorsorgesituation:

  • Nur 43 % der Kliniken können einen Stromausfall für mindestens drei Tage überbrücken.
  • Schlimmer noch: Lediglich jede zehnte Klinik ist in der Lage, die Patientenversorgung bei einem mehrtägigen Blackout uneingeschränkt aufrechtzuerhalten.

Diese Zahlen sind ein klares Warnsignal. Die Abhängigkeit von zentralen Stromnetzen und klassischen Notstromaggregaten, die oft nur für wenige Stunden oder Tage ausgelegt sind, schafft eine gefährliche Scheinsicherheit. Es ist an der Zeit, neue, dezentrale und flexiblere Lösungen für die Notstromversorgung zu denken, die über traditionelle Ansätze hinausgehen.

Quellen:

Artikelinhalte
KI-generiert

2. Die Lösung parkt vor der Tür: E-Autos als mobile Kraftwerke 🔋

Die Suche nach robusten Notstromlösungen muss über laute, wartungsintensive Dieselaggregate hinausgehen. Und hier kommt die E-Mobilität ins Spiel. Ein Elektroauto ist im Kern eine leistungsstarke Batterie auf Rädern. Durch eine Technologie namens bidirektionales Laden wird diese Batterie zu einem mobilen Kraftwerk, das seine Energie bei Bedarf wieder abgeben kann. Dieses „Laden in zwei Richtungen“ ist keine ferne Zukunftsmusik, sondern eine bereits existierende Technologie mit drei konkreten Anwendungsfällen, die für das Gesundheitswesen enormes Potenzial bieten.

Vehicle-to-Load (V2L): Die mobile Steckdose

Dies ist die einfachste und direkteste Form der Stromabgabe. Das E-Auto verfügt über eine herkömmliche 230-Volt-Steckdose oder einen Adapter, über den elektrische Geräte betrieben werden können. Ein Hyundai IONIQ 5 liefert so beispielsweise eine Leistung von bis zu 3,6 kW. Für ambulante Pflegedienste ist das ein Game-Changer: Ein einziges Einsatzfahrzeug könnte ein portables Beatmungsgerät oder einen Patientenmonitor für Stunden direkt beim Patienten zu Hause mit Strom versorgen und sich so in eine mobile Notfall-Unterstation verwandeln.

Vehicle-to-Home (V2H): Das Notstromaggregat für Gebäude

Hier geht es einen Schritt weiter: Das Elektroauto wird über eine spezielle Wallbox mit dem Stromnetz eines Gebäudes verbunden und kann dieses im Falle eines Blackouts versorgen. Ein einziger Nissan Leaf mit einer 62-kWh-Batteriekönnte den Impfstoffkühlschrank in einer Arztpraxis über einen mehrtägigen Ausfall hinweg am Laufen halten, tausende Euro an verdorbenen Dosen sparen und die Kontinuität der Versorgung sichern. Für kleine Pflegeeinrichtungen oder dezentrale Stationen eines Krankenhauses bedeutet dies die Aufrechterhaltung der Grundversorgung für Licht, Kommunikation und Kühlschränke.

Vehicle-to-Grid (V2G): Das virtuelle Kraftwerk

Dies ist die größte Vision: Ganze Flotten von Elektrofahrzeugen werden intelligent mit dem öffentlichen Stromnetz verbunden, um dieses zu stabilisieren. Ihre primäre Funktion ist es, die Volatilität erneuerbarer Energiequellen auszugleichen – sie absorbieren überschüssigen Solarstrom am Tag und speisen ihn während der abendlichen Spitzenlastzeiten wieder ein. Während V2G eine systemische Lösung für die Energiewende darstellt, ist sie gleichzeitig die technisch und regulatorisch komplexeste Anwendung.

Die entscheidende Frage ist nun: Wie viel davon ist heute schon Realität und was noch reine Vision?

Quellen:

3. Zwischen Vision und Wirklichkeit: Was heute schon geht und was nicht

Das technologische Potenzial des bidirektionalen Ladens ist faszinierend, doch für eine strategische Bewertung müssen wir es den physikalischen und regulatorischen Realitäten gegenüberstellen. Die gute Nachricht: Insbesondere die dezentralen Anwendungen V2L und V2H sind keine Fiktion mehr, sondern werden bereits in der Praxis erprobt und umgesetzt.

Der aktuelle Stand der Technik ist für V2L und V2H absolut praxisnah. Weltweite Pilotprojekte belegen eindrucksvoll die Machbarkeit:

  • Nissan in Japan: Im Rahmen des „Blue Switch“-Programms hat Nissan nach der Tsunami-Katastrophe 2011 über 100 Kooperationen mit japanischen Kommunen geschlossen. Die E-Autos der Flotten dienen im Katastrophenfall als mobile Notstromquellen.
  • Hyundai in Utrecht: In den Niederlanden betreibt Hyundai die weltweit erste bidirektionale Carsharing-Flotte. Hunderte IONIQ 5 dienen dort als dezentrale Stromspeicher, um das städtische Netz zu stabilisieren.
  • Renault in Österreich: In einem Pilotprojekt versorgte ein Elektroauto von Renault einen Mobilfunkmasten für über 12 Stunden autark mit Strom – eine simple, aber effektive Methode, um kritische Kommunikationsinfrastruktur zu sichern.

Allerdings ist V2H kein einfaches Plug-and-Play. Die Implementierung erfordert eine spezielle, oft teurere bidirektionale DC-Wallbox sowie potenziell erhebliche Eingriffe in die Hauselektrik, inklusive einer Netztrennungseinrichtung (ein automatischer Umschalter), die das Gebäude bei einem Stromausfall sicher vom öffentlichen Netz trennt. Technisch dominierte lange der japanische CHAdeMO-Standard, während sich der europäische CCS-Standard erst jetzt für bidirektionale Anwendungen öffnet.

Trotz aller Erfolge gibt es klare Grenzen. Der Blackout-Experte Herbert Saurugg weist auf ein fundamentales physikalisches Problem hin: Unser Niederspannungsnetz (400 Volt) ist für den Strombezug ausgelegt, nicht für eine massenhafte Rückspeisung. Eine unkoordinierte Einspeisung vieler E-Autos würde die Spannung unzulässig anheben und könnte zur Abschaltung von Netzabschnitten führen. Während eine Flotte von E-Fahrzeugen kurzfristige Ausfälle von Stunden bis zu einigen Tagen für kleinere Einrichtungen überbrücken kann, kann sie nicht die gesicherte Energie (kWh)liefern, die für das Überstehen einer wochenlangen „Dunkelflaute“ erforderlich wäre. Sie sind ein leistungsstarkes Werkzeug, um die Lücke zu schließen, bis die primären Backup-Systeme stabil sind oder das Netz zurückkehrt, aber kein Ersatz für sie.

Für das Gesundheitswesen bedeutet dies: Der Fokus sollte kurz- und mittelfristig klar auf dezentralen V2H- und V2L-Lösungen liegen, um die lokale Resilienz von Praxen, Pflegeheimen und ambulanten Diensten gezielt zu stärken.

Quellen:

Mein Fazit & Deine Meinung

Die Elektrifizierung von Fahrzeugflotten im Gesundheits- und Pflegesektor ist weit mehr als nur ein Beitrag zur Klimawende oder eine Frage der Betriebskosten. Sie ist eine strategische Investition in die operative Resilienz. Die Batterien auf Rädern, die heute oft ungenutzt auf Parkplätzen stehen, sind eine brachliegende Ressource, die im Krisenfall den entscheidenden Unterschied zwischen Handlungsfähigkeit und Stillstand machen kann.

Mein Denkanstoss an die Entscheiderinnen und Entscheider in Kliniken, Pflegeheimen und bei ambulanten Diensten ist daher klar: Schreiben Sie „bidirektionale Ladefähigkeit“ als Standard-Bewertungskriterium in alle zukünftigen Ausschreibungen für Flottenfahrzeuge vor. Modellieren Sie die Gesamtbetriebskosten nicht nur anhand von Kraftstoff und Wartung, sondern auch anhand des Werts der erhöhten operativen Resilienz. Die Grenzkosten für ein V2H-fähiges Fahrzeug sind eine Versicherungsprämie gegen die katastrophalen Kosten eines Betriebsausfalls.

Was meint ihr? Ist die Nutzung von E-Flotten als Notstromspeicher ein entscheidender Hebel für ein krisensicheres Gesundheitswesen oder ist der organisatorische Aufwand in der Praxis zu hoch? Schreibt eure Gedanken in die Kommentare! 👇

Kommentar verfassen