2026 | Kein Versprechen mehr: Wie KI, ePA und der EHDS das Gesundheitswesen jetzt verändern
Die letzten Wochen fühlten sich an wie ein Deep Dive in die Matrix des digitalen Gesundheitswesens. Mein Schreibtisch war voller Ideen, Skizzen und Konzepte für unsere neuen Produkte – begleitet vom intensiven KHZG-Jahresendspurt und vielen strategischen Diskussionen zur praktischen Umsetzung. Nach unzähligen Tassen Kaffee und kurzen Nächten kristallisierte sich eine zentrale Erkenntnis heraus: 2026 ist nicht mehr nur ein weiteres Jahr der großen Ankündigungen und Pilotprojekte. Es ist das Jahr, in dem die Puzzleteile, über die wir so lange geredet haben, endlich ein kohärentes Bild ergeben. Die Zeit der isolierten Insellösungen neigt sich hoffentlich dem Ende zu; die Ära der handfesten, integrierten Umsetzung beginnt.
🧠 Thema 1: KI ist raus aus dem Labor und landet im Praxisalltag
Künstliche Intelligenz ist 2026 endgültig kein Buzzword für Zukunftskonferenzen mehr, sondern ein konkretes Werkzeug, das u.a. eine der größten Herausforderungen unseres Gesundheitssystems adressiert: den dramatischen Fachkräftemangel. Die strategische Bedeutung von KI liegt nicht in futuristischen Robotern, sondern in der pragmatischen Entlastung des Personals im Hier und Jetzt. Dabei ist KI Teil eines größeren Wandels, der Unternehmen „vom klassischen Produktherstellenden hin zum integrierten Lösungsanbietenden“ verschiebt, wie es der Technologieradar von Bayern Innovativ treffend formuliert.
Gleichzeitig wird immer deutlicher: KI entfaltet ihren größten Nutzen dort, wo strukturierte, qualitativ hochwertige Daten verfügbar sind. Freitext, Insellösungen und proprietäre Datenmodelle begrenzen den Mehrwert intelligenter Systeme massiv. Genau deshalb entwickeln sich die IT-Infrastrukturen von Gesundheitseinrichtungen ab 2026 konsequent weiter – weg von monolithischen Anwendungen, hin zu Interoperabilitätsplattformen und Clinical Data Repositories (CDR). Diese bündeln strukturierte Daten aus Pflege, Medizin und Administration auf Basis offener Standards wie HL7 FHIR und schaffen die Voraussetzung dafür, dass KI systemübergreifend analysieren, unterstützen und automatisieren kann.
In diesem Kontext gewinnt auch ein neues Thema massiv an Bedeutung: Vibe Coding. Gemeint ist die Fähigkeit, digitale Module, Formulare, Auswertungen oder kleine Anwendungen direkt aus fachlichen Beschreibungen heraus zu erzeugen – KI-gestützt, schnell und ohne klassische Entwicklungsprojekte. Vibe Coding wird damit zu einem zentralen Enabler, um Fachlichkeit aus Pflege, Medizin und Organisation unmittelbar in digitale Lösungen zu übersetzen und auf interoperablen Plattformen bereitzustellen.
Wo KI schon heute den weißen Kittel trägt: Zwei Praxisbeispiele
Die spürbarsten Veränderungen kommen in zwei Kernbereichen an, die massiv Zeit und Ressourcen binden:
- Entlastung bei der Dokumentation: Der Albtraum administrativer Arbeit wird kleiner. KI-gestützte Spracherkennung und sogenanntes „Ambient Scribing“ protokollieren Gespräche im Versorgungsalltag im Hintergrund und erstellen automatisch Entwürfe für Arztbriefe, Pflegeberichte, Befunde und Einträge in die elektronische Patientenakte. Für Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte bedeutet das: Statt mühsam zu dokumentieren, müssen sie Inhalte nur noch prüfen, fachlich bewerten, gegebenenfalls korrigieren und freigeben.
- Unterstützung in der Diagnostik: KI wird zum zweiten Augenpaar des medizinischen Personals. Algorithmen in der Bildgebung (z. B. Röntgen, CT) und Pathologie markieren selbstständig auffällige Areale oder schlagen Risikobewertungen vor. Diese Systeme ersetzen nicht die menschliche Expertise, sondern fungieren als intelligente Entscheidungshilfe, die die Genauigkeit erhöht und die Befundung beschleunigt.
Der EU AI Act als Leitplanke
Mit großer Macht kommt große Verantwortung und eine neue Regulierung. Der EU AI Act, der ab August 2026 vollständig gilt, setzt klare Leitplanken. Er stuft viele medizinische KI-Anwendungen als Hochrisiko-Systeme ein. Für IT-Einkäufer in Kliniken und Praxen bedeutet das eine neue Sorgfaltspflicht: Anbieter müssen transparent nachweisen können, auf welcher Datenbasis ihre Algorithmen trainiert wurden, wie die Systeme überwacht werden und wie Fehler nachvollzogen werden können.
Was bedeutet das konkret? (So what?) Der größte strategische Nutzen der KI ist nicht nur Effizienz, sondern ein Katalysator für eine fundamentale Neudefinition von Rollen und IT-Architekturen. KI verschiebt die Aufgabe von medizinischen Fachkräften weg von reinen Datenerstellern hin zu Datenvalidierern und Managern der Patientenbeziehung. Parallel dazu verschiebt sich die IT-Strategie der Einrichtungen hin zu interoperablen Plattformen mit strukturierten Daten als Fundament. Indem administrative Routineaufgaben automatisiert und Fachlogiken über Vibe Coding schneller digitalisiert werden können, entsteht endlich wieder mehr Zeit für das, was zählt: das menschliche Gespräch und die Betreuung.
Quellen
- https://www.praktischarzt.de/magazin/2026-neuerungen-trends-fuer-aerzte/
- https://www.bayern-innovativ.de/leistungen/gesundheit/
Doch selbst die smarteste KI ist nutzlos ohne eine solide Datengrundlage. Und genau hier schließt sich der Kreis zum nächsten Megatrend.

🇪🇺 Thema 2: Das Daten-Fundament steht – Von der deutschen ePA zum Europäischen Gesundheitsdatenraum
Jahrelang haben wir über Datensilos geklagt. 2026 sehen wir endlich das Fundament für ein vernetztes, interoperables Gesundheitswesen, das diesen Namen auch verdient. Eine funktionierende Dateninfrastruktur ist das Rückgrat, ohne das keine KI, keine Telemedizin und keine personalisierte Versorgung skalierbar ist.
Der deutsche Dominostein fällt: Die ePA für alle
Auf nationaler Ebene bringt das Digital-Gesetz (DigiG) den entscheidenden Wandel. Seit 2025 richten die Krankenkassen für alle Versicherten automatisch eine elektronische Patientenakte (ePA) per Opt-out-Lösung ein. Seit Oktober 2025 sind Praxen und Kliniken verpflichtet, relevante Daten wie Befunde und Arztbriefe dort einzustellen. 2026 könnte die ePA damit endgültig vom Nischenprojekt zum zentralen Arbeitsinstrument im Versorgungsalltag werden.
Europäische Vision: Der EHDS
Diese nationale Entwicklung ist Teil einer viel größeren europäischen Vision: des Europäischen Gesundheitsdatenraums (EHDS). Sein Ziel ist es, den sicheren und kontrollierten Austausch von Gesundheitsdaten über die Grenzen hinweg zu ermöglichen. Dabei musst du klar zwischen zwei Anwendungsfällen unterscheiden:
- Primärnutzung: Direkte Patientenversorgung über Ländergrenzen hinweg (z. B. Zugriff auf Patientenkurzakte, Medikationsplan).
- Sekundärnutzung: Pseudonymisierte Daten für Forschung, Innovation und evidenzbasierte Politik.
Der Zeitplan ist ambitioniert: Bis März 2029 sollen Patientenkurzakten und E-Rezepte EU-weit austauschbar sein, bis März 2031 weitere Datenkategorien folgen.
Was bedeutet das konkret? (So what?) Der EHDS ist die Grundsteinlegung für eine europäische Real-World-Evidence-Infrastruktur und beendet nationale Datensilos zugunsten eines föderierten Ökosystems.
Quellen
- https://quickbirdmedical.com/de/diga-whitepaper/digital-gesetz-digig-leitfaden-diga-hersteller/
- https://health.ec.europa.eu/ehealth-digital-health-and-care/european-health-data-space_de

📱 Thema 3: Patient-First-Technologie – Telemedizin & Co. sind zurück und sie bleiben
Nach dem pandemiebedingten Digitalisierungsschub war lange unklar, ob patientenzentrierte Technologien den Sprung vom Ausnahmefall in den Versorgungsalltag schaffen würden. Die Antwort lautet inzwischen eindeutig: Ja. Telemedizinische und digitale Angebote etablieren sich nachhaltig, weil sie reale Versorgungsprobleme lösen und den Erwartungen der Patientinnen und Patienten an eine flexible, zeitgemäße Gesundheitsversorgung entsprechen.
Das Comeback der Videosprechstunde
Die Zahlen sprechen für sich: Laut Techniker Krankenkasse ist die Zahl der Videosprechstunden im Jahr 2024 um 23 % auf rund 711.000 gestiegen. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass 68 % der Menschen in Deutschland grundsätzlich bereit wären, ärztliche Beratung per Video in Anspruch zu nehmen. Die Videosprechstunde entwickelt sich damit vom Pandemie-Notbehelf zu einem festen Bestandteil der Regelversorgung – insbesondere für Verlaufskontrollen, Beratung und niedrigschwellige medizinische Anliegen.
Mehr als nur Video: Digitale Helfer im Alltag – bis ins Wohnzimmer
Patient-First-Technologie geht jedoch weit über die Videosprechstunde hinaus. Immer mehr digitale Lösungen unterstützen eine kontinuierliche, proaktive Versorgung – unabhängig davon, ob Patientinnen und Patienten sich in der Klinik oder zu Hause befinden:
- Wearables und Gesundheits-Apps liefern kontinuierlich Gesundheitsdaten, etwa zu Bewegung, Vitalparametern oder Stoffwechselwerten. Sie stärken Prävention, unterstützen das Management chronischer Erkrankungen und binden Patientinnen und Patienten aktiv in ihre Versorgung ein.
- Hospital@Home-Modelle verlagern Teile der stationären Versorgung in den häuslichen Kontext. Durch die Kombination aus Telemonitoring, digitaler Visite, klaren Behandlungspfaden und pflegerischer Betreuung können ausgewählte Patientengruppen sicher zu Hause behandelt werden – bei gleichzeitiger Entlastung von Betten, Personal und Infrastruktur im Krankenhaus.
- Digitale Patientenaufnahme und -steuerung automatisiert administrative Prozesse wie Anmeldung, Aufklärung oder Terminmanagement. Das reduziert Wartezeiten, entlastet das Personal und verbessert den Patientenfluss – gerade in Zeiten knapper Ressourcen.
Was bedeutet das konkret? (So what?) Patient-First-Technologien verschieben den Fokus der Versorgung grundlegend: weg von punktuellen, reaktiven Kontakten hin zu kontinuierlicher Begleitung über Sektor- und Ortsgrenzen hinweg. Sie entlasten Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte von administrativen Routinen, ermöglichen neue Versorgungsmodelle wie Hospital@Home und geben Patientinnen und Patienten genau das, was sie erwarten: Transparenz, Flexibilität und mehr Eigenverantwortung im Umgang mit der eigenen Gesundheit.
Quellen
- https://www.tk.de/presse/themen/digitale-gesundheit/videosprechstunde/videosprechstunden-steigen-wieder-an-2184566
- https://www.icnet.de/tech-blog/digitale-trends-im-gesundheitswesen-2026
- https://www.opasca.com/de/news/digitalisierung-als-schluesselstrategie-gegen-den-fachkraeftemangel
Abschluss: Mein Fazit und eine Frage an Dich
2026 markiert einen Wendepunkt. Praxisreife KI, vernetzte Dateninfrastrukturen und patientenzentrierte Technologien greifen ineinander. Das ist keine Zukunftsmusik mehr – das ist die Realität, die jetzt gestaltet wird.
Meine Frage an euch: Was ist für euch der größte Game-Changer für 2026 – KI-Assistentin, europäische Patientenakte oder smarte Apps? Ich bin gespannt auf eure Perspektiven.