DIVI 2025 Insights | Die Milliarden-Euro-Entscheidung der Charité | Mein Fazit zum KI-Hype

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Persönlicher Rückblick und die Stimmung auf der DIVI 2025

Die Gänge des CCH Hamburg summten vor Energie – der DIVI 2025 Kongress hat einmal mehr bewiesen, dass er der Pulsschlag der deutschsprachigen Intensiv- und Notfallmedizin ist. Doch dieses Jahr lag eine besondere Spannung in der Luft. Die Diskussionen um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz haben eine neue Reifeebene erreicht. Es ging nicht mehr um das „ob“, sondern um das „wie“: Wie integrieren wir diese Werkzeuge sinnvoll in den hochkomplexen klinischen Alltag? Wie stellen wir sicher, dass sie uns entlasten, statt zusätzlich zu belasten?

Das Kongressmotto „Klug entscheiden. Achtsam handeln.“ fängt diese duale Herausforderung perfekt ein. Es beschreibt den Kern unserer Mission: Einerseits die Notwendigkeit, datengestützte, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen, um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Andererseits die Verpflichtung, dabei nie die achtsame, empathische Zuwendung zum Patienten und die Verantwortung für unser Handeln aus den Augen zu verlieren.

In meinem Vortrag und den vielen Gesprächen haben sich drei Kernerkenntnisse herauskristallisiert, die ich heute teilen möchte. Sie bilden ein strategisches Triptychon, das die digitale Transformation auf drei entscheidenden Ebenen beleuchtet:

  1. Die Mikro-Ebene: Der konkrete, lebensrettende KI-Einsatz direkt am Patientenbett.
  2. Die Makro-Ebene: Die fundamentalen Infrastruktur-Entscheidungen, die alles andere ermöglichen oder ausbremsen.
  3. Die Meta-Ebene: Der übergeordnete sozio-ethische Rahmen, der unser Handeln mit Technologie leiten muss.

💡 Insight 1: Vom Hype zur Realität – KI rettet Leben, nicht nur in der Theorie

Auf der Mikro-Ebene, im direkten klinischen Einsatz, ist die strategische Bedeutung von KI nicht mehr theoretisch. Der Hype weicht der Evidenz, und wir sehen die ersten Anwendungen, die reale Probleme lösen und die Patientensicherheit direkt verbessern.

Das ist keine Zukunftsmusik mehr. Die KI ist im klinischen Alltag der Intensivstation angekommen. Ein gutes Beispiel ist die Überwachung von Endotrachealtuben. Jeder, der dort arbeitet, kennt das Risiko einer unbemerkten Verschiebung. Eine Studie aus 2025 zeigte, dass bei 30–59 % der Patienten innerhalb von 24 Stunden signifikante Tubusverschiebungen auftraten. Ein Team in Taiwan hat eine KI-Lösung entwickelt, die mittels Kameras und Algorithmen die Tubusposition in Echtzeit analysiert und bei minimalen Verschiebungen sofort alarmiert.

Dies ist kein Einzelfall. Der Trend ist breiter:

  • DAISY: Ein KI-Modell zur Früherkennung von Sepsis – verantwortlich für 20 % der weltweiten Todesfälle – anhand eines einfachen Blutbildes.
  • ADVOS multi: Ein KI-basiertes Decision-Support-System, das bei Multiorganversagen, der Ursache für 60 % der Todesfälle auf Intensivstationen, klinische Empfehlungen ableitet. https://www.advitos.com/das-advos-verfahren/

Die in einer randomisierten Kontrollstudie validierten Ergebnisse des Tubus-Monitors sind beeindruckend und stehen stellvertretend für das Potenzial dieser Tools:

Dieses System erhöht die Patientensicherheit signifikant, indem es menschliche Beobachtung nicht ersetzt, sondern mit übermenschlicher Präzision ergänzt. Es ist das perfekte Beispiel für das Kongressmotto: Eine datengestützte Technologie ermöglicht es dem Team, klüger zu entscheiden und schneller achtsamer zu handeln.

Quelle: A Randomized Controlled Trial of an Artificial Intelligence–Based Endotracheal Tube Position Monitoring System

Doch während ein einzelnes, brillantes Werkzeug wie der KI-Tubusmonitor einen sofortigen Mehrwert beweist, werden seine Skalierbarkeit und Interoperabilität letztlich von den grundlegenden Infrastrukturentscheidungen gefangen gehalten, die wir treffen – was uns zur Milliarden-Euro-Frage und zur Makro-Ebene führt.


🏥 Insight 2: Die Milliarden-Frage – Warum die KIS-Entscheidung der Charité uns alle betrifft

Wahrer digitaler Wandel wird auf der Makro-Ebene gestaltet – durch fundamentale Systementscheidungen, die das digitale Fundament einer ganzen Institution für Jahrzehnte prägen. Eine solche Entscheidung mit nationaler Signalwirkung hat kürzlich die Charité – Universitätsmedizin Berlin getroffen.

Mit einem Projektvolumen von rund 200 Millionen Euro hat sich die Charité für Epic Systems, einen US-Anbieter, als neues Krankenhausinformationssystem (KIS) entschieden. Diese Entscheidung ist weit mehr als nur ein Software-Upgrade. Sie ist ein Lackmustest für die strategische Ausrichtung des deutschen Gesundheitswesens und entfacht eine wichtige Debatte über kritische Kernfragen:

  • Digitale Souveränität: Kritiker äußern die Sorge vor einer wachsenden Abhängigkeit von einem US-Anbieter. Gesetze wie der CLOUD Act könnten theoretisch US-Behörden den Zugriff auf hochsensible Patientendaten ermöglichen. Die Frage nach der Datenhoheit steht im Raum.
  • Marktpolitik und Lock-in-Effekt: Die Entscheidung, öffentliche Mittel in ein proprietäres, geschlossenes System zu investieren, wird ebenfalls kritisch gesehen. Sie schafft eine langfristige technologische Abhängigkeit (Lock-in), die spätere Wechsel oder die Integration modularer Innovationen massiv erschwert.
  • Kosten und Risiko: Ein Projekt dieser Größenordnung ist nicht nur extrem teuer, sondern auch ein Hochrisiko-Vorhaben in Bezug auf Komplexität, Change Management und den Klinikbetrieb.

Die Entscheidung der Charité ist symptomatisch für das Dilemma, vor dem viele Kliniken stehen: Wählt man den international etablierten, aber teuren und proprietären Anbieter, oder setzt man auf offenere, interoperablere Lösungen? Diese Milliarden-Frage zeigt, wie zentral die Auseinandersetzung mit Interoperabilität und Datenhoheit für die gesamte eHealth-Community ist.

Diese Debatte über proprietäre Systeme versus offene Ökosysteme ist nicht nur technischer Natur; sie prägt unsere Fähigkeit, die nächste Innovationswelle – physische Robotik – zu integrieren und zwingt uns, die ethische Dimension der Meta-Ebene zu konfrontieren: Wer kontrolliert wirklich die Werkzeuge am Krankenbett?

Quellen:

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/147839/Charite-fuehrt-KIS-von-Epic-ein

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/krankenhaus-charite-berlin-ersetzt-sap-software-durch-us-anbieter-epic/100003088.html

https://www.bfdi.bund.de/DE/Fachthemen/Inhalte/Europa-Internationales/Auswirkungen-CLOUD-Act-und-FISA.html


🤖 Insight 3: Der neue Kollege? – Zwischen Assistenz-Robotik und ethischer Verantwortung

Auf der Meta-Ebene, die unser Handeln mit Technologie regelt, rücken physische Assistenzsysteme immer stärker in den Fokus. Die Robotik verlässt die Industriehallen und betritt schon bald die Krankenzimmer, was die Frage nach dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine auf eine neue, sehr greifbare Ebene hebt.

Das Potenzial zielt direkt auf die Kernprobleme der Pflege: Projekte wie der Assistenzroboter PfleKoRo, der Personal beim Umlagern von Patienten physisch entlastet, zeigen einen klaren Nutzen. Doch die strategische Dimension wird erst richtig sichtbar, wenn wir nach China blicken: Die dortige Initiative, humanoide Roboter auf Basis offener Standards zu entwickeln, soll die Innovation beschleunigen – ein Ansatz, der bewusst an den Erfolg von Standards wie FHIR im Gesundheitswesen anknüpft.

Hier zeigt sich der strategische Scheideweg: Während die Entscheidung der Charité (Insight 2) die Sorge vor einem proprietären Lock-in schürt, demonstriert China bei der Robotik das genaue Gegenteil – den Versuch, durch Offenheit ein ganzes Ökosystem zu schaffen. Denn damit ein Roboter wirklich helfen kann, braucht er interoperablen Zugriff auf Daten: Er muss über FHIR den Pflegeplan abrufen, Mobilitätsrisiken kennen und seine Aktionen in die digitale Akte zurückmelden können.

Doch diesem Potenzial stehen erhebliche Risiken gegenüber, die uns zur ethischen Verantwortung führen:

  • Automation Bias: Dies beschreibt die psychologische Tendenz, KI-Systemen unkritisch zu vertrauen. Der Deutsche Ethikrat warnte bereits 2023 treffend:
  • Sicherheitsrisiken: Ein alarmierendes Beispiel liefert der Whistleblower-Fall bei Figure AI. Dort soll nach Sicherung einer millionenschweren Finanzierung der zuvor entwickelte Sicherheitsplan systematisch „ausgehöhlt“ worden sein. Dies zeigt, wie schnell Sicherheitsaspekte unter wirtschaftlichem Druck leiden.

Hier schließt sich der Kreis. Das ultimative Ziel jeder Technologieeinführung muss die Realisierung einer „Digitalen Dividende“ sein: Technologie ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Mittel, um Freiräume für Fachlichkeit, klinisches Urteilsvermögen und vor allem für die menschliche Zuwendung zu schaffen. Es geht um mehr Zeit für den Patienten.

Quellen:

https://www.interaktive-technologien.de/projekte/pflekoro
https://techcrunch.com/2023/11/03/china-wants-to-build-humanoid-robots-that-can-reshape-the-world
https://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/mensch-und-maschine-herausforderungen-durch-kuenstliche-intelligenz

Fazit und Ihre Meinung

Die Tage auf der DIVI 2025 haben die drei Ebenen der digitalen Transformation scharf nachgezeichnet:

  1. Mikro-Ebene: KI ist praxistauglich. Konkrete Anwendungen wie die Tubusüberwachung retten bereits heute Leben und machen die klinische Praxis sicherer.
  2. Makro-Ebene: Strategie ist entscheidend. Die Milliarden-Entscheidung der Charité macht deutlich, dass die Wahl unserer digitalen Infrastruktur weitreichende Konsequenzen für Datenhoheit, Interoperabilität und Abhängigkeiten hat.
  3. Meta-Ebene: Verantwortung ist unteilbar. Die Integration von KI und Robotik erfordert eine hohe ethische Wachsamkeit, um Risiken wie den Automation Bias zu beherrschen und sicherzustellen, dass die Technologie dem Menschen dient.

Das Motto „Klug entscheiden. Achtsam handeln.“ ist damit mehr als nur ein Slogan – es ist der Kompass für diese Reise. Klug entscheiden bedeutet, die neuen Werkzeuge auf der Mikro- und Makro-Ebene evidenzbasiert zu bewerten und strategisch zu implementieren. Achtsam handeln verpflichtet uns auf der Meta-Ebene, dabei stets die menschliche Verantwortung, die Patientensicherheit und die ethischen Leitplanken in den Mittelpunkt zu stellen.

Jetzt bin ich auf Ihre Perspektive gespannt.

Wo seht ihr in eurem Arbeitsalltag die größte Chance – und wo das größte Risiko – bei der Einführung von KI und Robotik? Ich bin gespannt auf die Diskussion in den Kommentaren!

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